Pitztal Trail Maniak 95 K superior

Als ich vor einem Jahr auf der Homepage des Veranstalters Superlativen wie “Der härteste Alpin-Marathon der Alpen auf der spektakulärsten Strecke Europas!” oder “Das ist Trail Running auf höchstem Niveau” las, fang ich an, das Ganze zu hinterfragen: Marketing-Gag? Größenwahn? Mangelnde Selbsteinschätzung? Ein paar Minuten Internet-Recherche später wurde ich eines Besseren belehrt, zumindest was die nackten Zahlen anging: 97,5km, 6.897 Höhenmeter, höchster Punkt auf 2.955m, drei Quali-Punkte für den Ultra-Trail du Mont-Blanc und nur elf Finisher im Vorjahr – schluck. Mein Respekt war sehr groß, aber da ich bereits infiziert war, blieb mir nur, das Training schleunigst anzupassen: mehr Grundlage, mehr Höhenmeter, mehr Stabi-Übungen… Einen Tag vor dem Start machte ich mich mit Christian (mit ihm spule ich gefühlte 110% meiner Trainingseinheiten ab – er bestreitet den Lauf über die klassische Marathondistanz, gespickt mit 2.815 Hm) mit dem Zug auf den Weg nach Imst, wo wir netterweise von unserem Unterkunftgeber am Bahnhof abgeholt und weiter nach Mandarfen gebracht wurden. Die Begrüßung mit Tiroler Dialekt brachte schon etwas Ernüchterung: „Ihr seid´s also die Wahnsinnigen? Bei uns gibt´ keinen Wandertourismus – viel zu steil für die Wiener. Bei uns gibt ja nicht einmal Wege…“.

Zum Lauf: Mandarfen (ein kleiner Ort mit mehr Hotels als Wohnhäuser im Pitztal, Tirol, umgeben von 38 Dreitausender) ist Ausgangspunkt und Ziel für drei Rundkurse (44,1km mit 3.464hm; 26,9km mit 2.252hm und 23,4km mit 1.052hm), welche in einer maximalen Zeit von 26 Stunden zu bewältigen sind. Weite Teile der Strecke befinden sich deutlich über 2.500m, höchster Punkt ist der Polleskogel mit 2.955m. Von Single-Trails, über seilversicherte Abschnitte bis zu Gletscherüberquerungen ist alles dabei und weite Teile können – ohne zu übertreiben – als technisch sehr anspruchsvoll beschrieben werden. Was den Slogan “Laufen auf höchstem Niveau” betrifft, bezieht sich dieser jedoch nicht nur auf die Höhenmeter. Die gesamte Organisation macht mir einen sehr professionellen Eindruck (wobei ich bei € 135 Nenngeld auch eine gewisse Erwartungshaltung habe) wobei stets ein bisschen familiäres Flair mitschwingt: eine feine Veranstaltung am Tag vor dem Lauf, statt Nudeln auf Plastikteller gab es Gutscheine für die umliegenden Gasthäuser und ein großes Augenmerk auf die Sicherheit der Starter (überprüfe Pflichtausrüstung, Wetterbriefing, sechs Bergrettungsstützpunkte, Checkpoints nach gefährlichen Passagen, …).

Erste Runde: Der Aha-Effekt

Samstag, kurz vor vier Uhr: ich bin bereits zweieinhalb Stunden auf, habe Energie getankt (und mich der vom Vortag entledigt), meine Ausrüstung ein letztes mal gecheckt, am verpflichtenden Wetterbriefing teilgenommen (das zuvor prognostizierte Unwetter mit Starkregen und Hagel soll ausbleiben, jedoch ist ab Mittag mit starken Niederschlägen und Temperaturen um die drei Grad auf 3.000m zu rechnen) und warte gemeinsam mit rund 75 Mitstreitern aus 16 Nationen auf den Startschuss. Noch einmal werden alle Namen der Starter aufgerufen, ehe es los geht. Ganz nach dem Motto „the rabbit will never finish“ reihe ich mich ganz am Ende des Feldes ein. Nach rund 500m biegt die ganze Meute einen steilen Trail links hinauf, ehe ein Läufer vor mir schreit, dass wir hier noch zu früh sind. Ich biege also noch nicht ab und führe unerwünscht das Feld an, lasse die „Profis“ aber gleich wieder vorbei und biege mit dem Rest in den richtigen Trail. Technisch zwar recht leicht, geht es aber steil bergauf: Ich gehe die 1.192Hm verteilt auf 8km eher verhalten an und komme bei Sonnenaufgang nach 1:33 beim ersten Verpflegungspunkt (VP) gemeinsam mit fünf anderen Läufern auf 2.817m an. Zu diesem Zeitpunkt war das Feld schon sehr zerrissen. Ein Bergretter (Vollbart, grimmiger Blick, nur durch das Tragen von Sandalen bei fünf Grad im Freien mit einem Jeti zu unterscheiden) schaut mich beim Griff zu einem Kohlehydrat-Gel forsch an und meint „Finger weg von dem Schass – iss des“ und gibt mir eine Prinzenrolle. Weil das in meinem Ernährungsplan nicht so vorkommt, will ich den Keks dankend einstecken, worauf er richtig ernst wird: „net einstecken – essen – dauert no drei Stund bis zur nächstn Hüttn“. Ich mache also einen Bissen und laufe in einem unbemerkten Moment weiter. „Drei Stunden für 16km zum nächsten VP? – Ich habe nicht vor zu spazieren“ denke ich mir und laufe noch knapp fünf Km weiter zum höchsten Punkt der ersten Runde auf 2.936m, ehe der Abstieg beginnt. Nur sehr langsam kommen wir – ein US-Amerikaner und ein Deutscher – auf technisch sehr anspruchsvollen Trampelpfaden weiter: schmal, rutschig, steil. Zu diesem Zeitpunkt beginnt es auch schon leicht zu regnen. Normalerweise kein Problem, in 3.000m bereitet so ein aufziehendes Wetter aber doch leichte Sorgen. Drei Stunden nach dem ersten VP fallen mir wieder die Worte des Bergretters ein, wobei ich noch eine knappe Stunde zum nächsten VP zu laufen habe: aber nein – der Keks bleibt im Rucksack…

Nach insgesamt 5:25 erreiche ich den VP Tiefentalalm das erste Mal, ehe ich nach weiteren 16,3km bzw. 1.345Hm ein zweites Mal dort eintreffen werde. Dieser Streckenabschnitt ist technisch eine Herausforderung und nagt dementsprechend an meinen Reserven: riesige Geröllhänge, steile Aufstiege und echt extreme Abstiege. So stehen wir zum Beispiel zu dritt vor dem Ende eines Hanges und suchen eine Markierung. Als der Läufer aus den USA fast senkrecht nach unten zeigt und „there´s a marker“ ruft, wird uns richtig bange: „Das können´s ja net ernst meinen“ stammelt der Deutsche und nach kurzer Beratung einigen wir uns auf die Abstiegsreihenfolge (ich bin froh als Letzter dran zu sein: im Regelfall fallen Steine nach unten…). Beim zweiten Erreichen des VP Tiefentalalm ist mir bereits etwas „mulmig“ und auch mein Tritt ist zeitweise unsicher. Ich lege also eine Pause von etwa zehn Minuten ein, stärke mich und lege die Regenjacke an – das Wetter zieht immer mehr zu und auch die Bergretter beim VP meinen, dass es wohl lange nass bleiben wird.

Nun der eigentliche Abstieg: Felsig, rutschig, steil, teilweise seilversichert, weit und breit alleine. Vier Mal lande ich unfreiwillig am Boden. Zum Glück komme ich mit Abschürfungen davon. Bei diesem Gelände könnte es weitaus schlimmer kommen. Zwischendurch beginne ich zu rechnen: nach 13 Stunden muss ich die erste Runde beendet haben, um im Rennen zu bleiben – bei diesem Tempo unmöglich. Im Tal angekommen, bin ich richtig erleichtert, dass die restlichen rund 10km der ersten Runde auf einem Schotterweg zu laufen sind und treffe bei strömenden Regen nach 11:52 in Mandarfen ein. Dort erfahre ich, dass sämtliche Cut-Off-Zeiten wegen des schlechten Wetters aufgehoben sind und die zweite Runde wegen dichtem Schneefall gestrichen, dafür die dritte Runde zweimal zu laufen ist: also etwas weniger in der Länge und Höhe.

Zweite Runde: Es geht ja doch

Ich wechsle meine Schuhe, Socken und Shirt, fasse Nahrung aus und mache mich auf dem Weg in die zweite Runde: den Aufstieg auf die Sunnaalm mit rund 500Hm gehe ich zuerst zügig an, muss bei Halbzeit aber deutlich an Tempo raus nehmen. Ich bin schon sehr gezeichnet und die Beine sind schwer. Zeit für etwas Magnesium und positive Gedanken: oft stelle ich mir vor, wie mich meine Freunde anfeuern und mir in den Hintern treten (irgendwie war ich an diesem Tag sowieso nie alleine) und komme dann doch noch laufend zum VP Sunnaalm, wo ich Michael – ein Leidensgenosse aus Deutschland – treffe und mit ihm gemeinsam weiter laufe. Wir haben beschlossen, möglichst lange zusammen zu bleiben: es hat nicht nur vom Tempo, sondern auch von der Sympathie gut gepasst. Nach einer gemeinsamen Stunde rund fünf Km vor dem Ende dieser Runde beschließen wir, nach Möglichkeit auch die letzte Runde zusammen in Angriff zu nehmen.

Meine Ausrüstung:

– Rucksack: Salomon “Xa 10+3″ mit 1,5l Trinkblase
– Schuhe: Salomon “s-lab sense ultra” bis km 54, danach Salomon “speedcross 3 gtx”
– Socken: Falke “RU 4 Cushion Short“
– Jacke: Skinfit Scudo Jacket
– Stirnlampe: Petzl Myo XP
– Uhr: Polar “RCX5″

Dritte Runde: Der Mann mit dem Hammer ist auch nachtaktiv

Um den Aufstieg beim zweiten Durchlauf dieser Runde noch bei etwas Licht zu schaffen, legen wir nur eine ganz kurze Pause in Mandarfen ein: 15km mit 703Hm sind noch vor uns. Der Aufstieg geht anfangs besser als gedacht und wir erreichen den VP mit Sonnenuntergang. Beim Fitmachen für die Nacht merke ich aber, dass ich am Limit bin: die Pause von einer Minute hat gereicht, um am ganzen Körper zu zittern – ich schaffe es nicht einmal, ohne Hilfe meine Stirnlampe anzulegen. Eingepackt in drei Schichten geht es dann weiter in die Nacht. Am flacheren Teil des Single-Trails widmen Michael und ich uns einer Rechenaufgabe: „Für die vorherige Runde benötigten wir rund 3:30 und haben die jetzige Runde nach 12:00 begonnen – wann kommen wir bei selben Tempo ins Ziel?“ Rund zehn Minuten später sind wir sichtlich stolz, dass wir ohne Puplikums-Joker auf das Ergebnis von 19 Stunden gekommen sind. Weitere zehn Minuten später wissen wir auch schon, dass der Einlauf vor Mitternacht sein wird. Spätestens nach dieser Rechenaufgabe ist mir klar, dass nicht nur die Beine leer sind…

Auszug aus der Pflichtausrüstung:

lange Hose, langes Shirt, wasserdichte Überhose, wasserdichte Jacke mit Kapuze, Handschuhe, Haube, Stirnlampe, Notverband, Rettungsdecke, Pfeife, Streckenkarte, 1,5l Flüssigkeit, 500kcal Riegel

Der Abstieg ist technisch keine große Herausforderung, durch die Dunkelheit (der Nebel und Regen behindert sehr die Streuung des Lichtes und blendet) ist es aber trotzdem eine Herausforderung. Dazu kommen Schmerzen im linken Knie und ein Gefühl, als müsste ich mich übergeben. Kurz spiele ich mich mit dem Gedanken, Michael zu sagen, er soll alleine weiterlaufen, weil ich eine Pause brauche. Anderseits ist es mir alleine zu gefährlich. Ein Sturz, Kollaps oder anderer Zwischenfall und ich hätte ein echt großes Problem. Der nächste Läufer kommt vielleicht erst eine Stunde später vorbei, die Bergrettung würde sicher noch einmal zusätzlich zwei Stunden brauchen. Mit einer eventuellen Verletzung und Unterkühlung einfach zu lange. Ich bemühe mich Michael´s Tempo zu halten, wobei auch er etwas an Tempo heraus nimmt und erreiche den letzten VP vor Mandarfen. Jetzt ist auch mir klar, dass einem Finish nichts mehr im Weg steht. Nach 19:10 geht es Hand in Hand mit Michael auf den ausgerollten roten Teppich, wo bereits Christian (er hat den Marathon in 7:25 gefinisht) wartet.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass trotz Aufhebung sämtlicher Cut-Off-Zeiten 48 Starter aufgeben mussten bzw. nur 27 Teilnehmer gefinisht haben. Dass ich einer der Finisher bin, macht mich in diesem Fall (technisch extrem anspruchsvolle Strecke, Distanz/Höhenmeter, widrige äußere Bedingungen) besonders stolz, zumal das Teilnehmerfeld bestehend aus 16 Nationen sicherlich aus sehr routinierten Läufern bestand.

Nahrungszufuhr:

– 3 Carbo-Riegel von Dextro & 3 Gel´s von Dextro
– 3 Bananen & 6 Kartoffeln
– ca 6 l Iso/Wasser & ca 0,75l Red Bull

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