Lavaredo Ultra Trail

Die neunte Auflage des – in voller Länge – „The North Face Lavaredo Ultra Trail“ – zählt auch heuer wieder zu den Highlights in der Ultra-Trail-Szene. Der Lauf ist rein von den Zahlen her sicher als sehr anspruchsvoll zu bezeichnen (der Rundkurs mit Start und Ziel in Cortina d´Ampezzo geht über eine Länge von 119 km, gespickt mit 5.850 positiven Höhenmetern vorbei an den Highlights der Dolomiten in teilweise sehr exponiertem hochalpinen Gelände), wofür es das Maximum von vier Qualifikations-Punkten für den UMTB gibt bzw. wurde der Bewerb neben neun anderen Läufen (in guter Gesellschaft mit klingenden Namen wie „Ultra-Trail du Mont-Blanc,“ „Marathon des Sables“ oder „100 Miles Western States„) in die „Ultra-World-Tour“ aufgenommen; er erfüllt also die Voraussetzungen wie eine Mindestdistanz von 100km entlang symbolträchtiger Orte (in diesem Fall im UNESCCO-Weltkulturerbe) bzw. mehr als 500 Starter aus mind. 20 Nationen. Die Vorfreude – und je näher der 26. Juni kommt auch die Nervosität – sind dementsprechend groß. Die Vorbereitung auf diesen Lauf war nicht besonders speziell, weil ich meine, dass das Training für solche Bewerbe ohnedies eine Grundsatzsache ist und es sich nicht mit speziellem Training ein paar Wochen vorher richten lässt. Ich habe jedenfalls viele verletzungsfreie Monate hinter mir und das Augenmerk mehr auf Qualität statt Umfänge gelegt und auch gezielt mehr Regenerationsphasen eingebaut. Seit Jänner sind es dann im Ausdauer-Bereich aber doch knapp 1.700 Lauf-km mit über 20.000 Höhenmeter und zusätzlich rund 130 Stunden am Rad oder Ergometer bzw. mit Stabi-Übungen geworden, ohne dass der Grundspeed (4:15/km über 51 km beim Worldrun in St. Pölten) darunter gelitten hat.

So reise ich am Tag des Bewerbes sehr zuversichtlich aber mit dem nötigen Respekt mit meinem Freund und Laufpartner Christian (er startet beim „Cortina Trail“ über 47 km mit 2.650 Hm) an. Eine vorzeitige Anreise wollte ich vermeiden, nachdem mir Schlaf in den Tagen vor dem Bewerb sehr wichtig ist und ich schon öfters schlechte Erfahrungen mit schlechten Matratzen, hohen Lärmpegel und einer gewissen Anspannung durch das Bewerbs-Flair machte und der Start mit 23 Uhr ohnedies spät ist. Um 12 Uhr in Cortina angekommen scheint es, als wären alle 6.000 Bewohner auf den Beinen; der ganze Ort wurdelt, an jeder Ecke befinden sich Hinweisschilder und Wegweiser. Überall liegt ein Hauch von diesem Ultratrail-Flair in der Luft, was ich bei den Städtemarathons oder gar Triathlons vermisse. Es hat mich jedenfalls – etwas früher als sonst – gepackt und meine Nackenhaare hören nicht mehr auf zu stehen. Das sind diese Momente wo ich weiß, warum ich nicht so gerne auf Asphalt im Kreis laufe… Nach dem Einchecken geht es zügig zur Startnummernausgabe mit Kontrolle der Pflichtausrüstung (Rettungsdecke, Pfeife, Handy, Langarm-Shirt und Jacke, wasserdichte Überhose, Handschuhe, Kopftuch, Stirnlampe mit Ersatzbatterien, Kartenmaterial, Trinkbecher und natürlich Flüssigkeit und Nahrung), Abgabe eines Rucksackes welcher bei km 48,5 bereitgestellt wird und frische Socken, ein frisches Shirt, Reserve-Schuhe sowie Verpflegung beinhaltet, um dann zum letzten größeren Carboloading im Rahmen der Pasta-Party (Alles in allem macht mir die ganze Organisation einen sehr professionellen Eindruck) aufzubrechen. Alles ohne zu trödeln, damit sich noch drei Stunden Schlaf oder zumindest entspannen ausgeht. Um 19 Uhr nochmal eine Kleinigkeit essen und ein letzter Check des Rucksackes, bevor es um 22:30 Uhr Richtung Start geht, wo ich noch etwas meine Gedanken ordne, denn durch meine bisherigen Ultra-Trails ist mir klar, dass die nächsten und vor allem die letzten Stunden des Laufes sehr hart werden, der Mann mit dem Hammer nicht vielleicht sondern ganz sicher zuschlagen wird und auch die eine oder andere – hoffentlich nur kleine – Blessur nicht ausbleiben wird. Es geht also wieder darum, alles Außerplanmäßige möglichst gut zu improvisieren, aufkommende Zweifel davon zu laufen und viele kleine Brötchen zu backen… meine Ziele lauten daher in dieser Reihenfolge: 1.) ohne gröbere Verletzungen die Heimreise antreten, 2.) innerhalb des 35-Stunden-Limits finishen, 3.) das Beste daraus machen und möglichst Alles geben. Ein Zeitlimit setzte ich mir bewusst nicht, weil ich mir nicht noch eine Sorge mehr aufhalsen möchte. Vom Hintergedanken her wäre aber eine Zeit unter 23 Stunden fein, weil es gerade im letzten Abschnitt einen langen Abstieg mit über 1.000 Hm gibt und dieser Teil ohne Tageslicht mit über 100km in den Beinen das ganze Unterfangen wohl nicht leichter machen würde. Mein Plan ist, durch die Nacht bis zur dritten Labestation bei km 48,5 mit leicht angezogener Handbremse zu laufen, um dort mit noch einigen Reserven möglichst viele der restlichen 70 km gscheít´ laufen zu können. Außerdem hoffe ich auf einen Motivationsschub, wenn ich im Bereich der drei Zinnen in den beginnenden Tag laufe. Das Wetter scheint jedenfalls beim Start mitzuspielen: trocken, leicht bedeckt und angenehm kühl. Allerdings mit hoher Regenwahrscheinlichkeit nach rund 15 Stunden.

  • Schuhe: Salomon „Speedross 3 GTX“, weil es die Tage zuvor oft geregnet hat und die zweite Streckenhälfte technisch anspruchsvoll ist. Den S-LAB Sense Ultra habe ich als Reserve mitgenommen
  • Rucksack: Nathan „Elevation“ – ein etwas kleineres Modell hätte es sicher auch getan, aber ich trainiere 99% sämtlicher Trainingseinheiten damit und kenne alle seine Macken – da nehme ich ein paar zusätzliche Gramm gerne in Kauf…
  • Socken: Falke RU4 short men – Socken halt…
  • Regenjacke: Skinfit Scudo Jacket hat mir schon mehrmals bewiesen, dass sie dicht und – wichtig, sollte es durch eine Verletzung zu einem langen Halt kommen – auch warm hält…
  • Stirnlampe: Petzl myo xp ist mit 175g angenehm zu tragen, schafft max. 370 Lumen und – was mir noch wichtiger ist – mit einem Satz Batterien eine Dauerleistung von 4 Std. bei 120 bzw. sogar 9 Std. bei 80 Lumen
  • Uhr: Polar RCX5 hat bisher kaum Macken gemacht und das Display ist auch im Dunkeln gut lesbar

km 0  – km 48 (Rif. Auronzo) Um 23 Uhr geht es angenehm zum Aufwärmen 2 km ganz leicht wellig durch den Ort, ehe wir in die Nacht entlassen werden. Der erste Aufstieg mit rund 500 positiven und gleich danach ebenso viele negativen Hm geht recht locker über die Bühne. Es handelt sich um Forstwegerl und sehr einfach zu laufende Trails. So richtig zur Sache geht es dann ab km 15: bis auf ein kürzeres Teilstück geht es über 1.000 Hm bergauf zum Wahrzeichen der Region, den drei Zinnen. Der Aufstieg dorthin ist technisch ebenso wenig anspruchsvoll und sehr gut markiert. Ständig hängen irgendwo reflektierende und teilweise sogar fluoreszierende Marker an. Da haben die Organisatoren wirklich ganze Arbeit geleistet! Die Nacht kostet mir zwar weniger Energie als befürchtet, aber schön langsam kommen auch die ersten Wehwehchen: das linke Knie schmerzt etwas und die Oberschenkel werden schon etwas schwer; aber alles noch im Rahmen. Nach 5:15 beginnt allmählich der Tag: ich erkenne die ersten Umrisse der gewaltigen Gebirgsformationen und kann letztendlich meine Stirnlampe bei der Hälfte des Aufstieges abschalten. Oben angekommen bekomme ich gleich meinen Verpflegungsrucksack gereicht und ich gehe es bei der Labestation recht zügig an, um nicht auszukühlen und unnötig lange in dieser Höhe zu bleiben: Socken und Shirt wechseln, Gels und Riegel nachfassen, Flüssigkeit auffüllen und etwas stärken (ein paar Löffel Nudelsuppe, Banane und Rosinen, ein paar Schluck Tee).

km 48 – km 75 (Malga Ra Stua) Ich bin deutlich über zwei Stunden unter der Cut-Off-Zeit und habe zumindest eine Sorge weniger. Was mir aber mehr Kopfzerbrechen macht ist der Schmerz im linken Knie, der sich allerdings nur in flachen Passagen bemerkbar macht. Die Umrundung der drei Zinnen geht trotzdem recht zügig voran, wenngleich ich auch schon froh wäre, den bevorstehenden Abstieg erledigt zu haben. Der Abstieg ist zwar nicht schwer, kostet aber trotzdem viel Energie und auch ein paar Regentropfen spüre ich. Das Wetter macht mir zwar noch keine großen Sorgen, aber wir war klar, dass es in diesen Höhen auch recht schnell kippen kann. Unten angekommen machen sich die ersten 60 km bemerkbar und ich entscheide mich, eine Trabpause von zwei, drei km einzulegen, um meinem Kreislauf und den Beinen etwas Erholung zu gönnen. Gar nicht nur aus taktischen Gründen, viel mehr weil es anders nicht mehr gegangen wäre. Die Knieschmerzen haben sich danach in Luft aufgelöst und auch etwas an Motivation ist zurück gekehrt. Der darauffolgende Auf- und Abstieg (Forc. Lerosa, 500 Hm) hat es in sich. Die Wege werden anspruchsvoller und steiler und es fällt mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Nicht nur einmal wäre ich fast überknöchelt oder ausgerutscht. Bei der Verpflegungsstation angekommen spielen sich bereits viele kleine Dramen ab: ein paar Läufer liegen mit Krämpfen in den Beinen am Boden, liegen blass mit erhöhten Beinen am Rücken oder sitzen einfach nur da und starren ausdruckslos in den Himmel. Ich gönne mir wieder die üblichen Leckeren (Suppe, Tee, Rosinen, Red Bull, Salz und etwas Käse), raste ein paar Minuten und mache mich weiter auf den Weg zum nächsten großen Aufstieg: For. Col dei Bos mit über 1.000 Hm.

FAQ: Start 26.06.15, 23 Uhr | 119km | 5.850 pos. Höhenmeter  | 9. Auflage | 1.200 Starter | 56 Nationen | Zeitlimit 35 Std. | Endzeit 21:18:18 | Rang 287 | 33 % DNF

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km 75 – km 94 (Forc. Col dei Bos) Der Anstieg ist zuerst recht geschmeidig, dann aber, umso höher es wird, auch technisch anspruchsvoller. Nicht schwer, aber teilweise einfach nicht zu laufen. Der imposante Ausblick macht es aber etwas kurzweiliger. Mitten im Anstieg taucht dann – entgegen dem Höhenprofil – auch noch ein ewig langes, recht flaches Tal mit Geröll auf. Im Nachhinein richtig beeindruckend, aber während dem Lauf nur lästig: es geht Nichts an Höhenmeter weiter und immer wieder ist ein kleiner Bach zu überqueren. Zwei andere Läufer und ich müssen mehrmals vor und wieder zurück laufen, um eine passende Stelle für eine Überquerung zu finden. Der weitere Auf- und Abstieg kommt mir endlos vor. Immer wieder sehe ich irgendwo in der Ferne andere Läufer und mit jedem Schritt schwindet meine Motivation. Da hilft es mir auch nicht, als ich meinen Kopf in eine Kuhtränke halte. Ganz im Gegenteil: die Tränke wird aus frischem Quellwasser gespeist und hat gefühlte null Grad. Mir kommt es vor, als würde der Blitz einschlagen. Jedenfalls war ich etwas abgelenkt. Der Abstieg zur nächsten Labestation geht mehr recht als schlecht und zeigt mir meine Grenzen auf. Dort angekommen schnalle ich mir den Rucksack ab und lege mich – wie viele Andere – in die Wiese, schließe meine Augen für ein paar Minuten und gönne mir eine kurze Auszeit. Ich dürfte echt´ nicht gut ausschauen, denn während ich dort liege, bringt mir ein Helfer unaufgefordert eine Schüssel mit Suppe und eine Flasche Bier. Ich schlürfe also die Suppe wie ein Hund auf der Wiese liegend, trinke ein paar Schluck Bier und raffe mich schlussendlich doch noch auf. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt hat mich der Betreuer schon abgeschrieben und zu den DNF gezählt.

km 95 – km 119 (Cortina d´Ampezzo) Es geht jedenfalls weiter und nach einem kurzen Abstieg – weil es ja so lustig ist – zum letzten großen Anstieg auf den Rif. Averau. Mir ist klar, dass sich für mich in den zwei Stunden das Rennen entscheiden wird. Es wird alpiner und auch das Wetterverschlechtert sich zusehend. Aus der Ferne sind Donner zu hören und auf dem Weg zum Passo Giau spüre ich immer mehr Regentropfen. Das Laufen funktioniert dafür wieder recht gut und auch die Zuversicht ist wieder zurück. Beim Passo Giau auf 2.236m angekommen macht das Wetter ganz zu: es wird schlagartig dunkel, es beginnt zu schütten und die Wetterfront ist direkt im Anstieg vor uns. Wir – fünf andere Läufer und ich – machen uns Unwetterfest und schnüren uns alles um, was uns warm und halbwegs trocken hält. Bei mir schauen nur mehr die Nase und die Augen unter der Kapuze raus. Kurze Zeit war es unklar, ob das Rennen abgebrochen wird. Die Bergrettung entscheidet dann aber doch, dass wir zügig weiter machen sollen. Der nächste Aufstieg – es geht auf rund 2.500m steil über einen hochalpinen Weg hinauf – ist brutal. Der Wind peitscht den Regen aus allen Richtungen her und ständig blitzt und donnerst es aus unmittelbarer Nähe. Für kurze Zeit überlege ich, unter einem Felsvorsprung Unterschlupf zu suchen, entscheide mich aber für den weiteren Aufstieg. Hier vertraue ich einfach der Erfahrung des Bergretters vor Ort, der auch selbst beim Einstieg die Stellung hält. Kurz vor dem oberen Grad des Anstieges angekommen sehe ich, wie es ein kleines Ein-Mann-Zelt der Bergrettung weg fetzt und in die Luft wirbelt. Zeitgleich können sich zwei Läufer nicht mehr gegen den Wind stemmen und fallen zu Boden. Ich selbst komme noch halbwegs größerer Probleme über den höchsten Punkt und versuche, möglichst schnell an Höhe zu verlieren. Durch die Kälte und Nässe bin ich voll ausgekühlt und zittere am ganzen Körper. Der Wind und auch der Regen hören aber gleich schnell auf wie sie gekommen sind und auch die Körperwärme kommt wieder in den grünen Bereich. Meine Regenjacke lasse ich sicherheitshalber aber weiterhin an. Der Rest der Strecke ging dann wie von selbst. Der Abstieg ist zwar rutschig, aber trotzdem noch recht leicht zu laufen. Die letzten zwei km durch Cortina d´Ampezzo ist dann Genuss pur: Autofahrer fahren im Lauftempo mit und schreien aus dem Auto, Menschen in den Gastgärten der Fußgängerzone  stehen auf und halten die Hände zum Abklatschen entgegen und Weggefährten über viele km welche es etwas früher ins Zielt schafften, feuern an und freuen sich sichtlich mit mir. Unterm Strich bin ich dann mit 21:18:18 durchs Ziel. Insgesamt reicht das für den für mich sehr zufriedenen 287. Gesamtrang, zumal von den 1.200 Starter aus 56 Nationen fast 500 aufgeben mussten bzw. es nicht innerhalb des 35-Stunden-Limits schafften.

Rückblickend ist der Lauf technisch gesehen – bis auf ein paar Schlüsselstellen – über weiter Teile wenig anspruchsvoll. Die Strecke ist durchgehend bestens gekennzeichnet und die Versorgungsstationen ausreichend und teilweise sogar üppig ausgelegt. Generell finde ich keine Kritik an der Organisation: sehr professionell und trotzdem leidenschaftlich. Die vielen Nachrichten übers Handy und das Wissen, dort oben doch nicht ganz alleine zu sein, machten das ganze Unterfangen etwas einfacher und waren vielleicht auch einer der Gründe, warum ich bei km 90 nicht liegen geblieben bin. Der emotionalste Moment an diesem Wochenende war, als mich am Sonntag um zwei Uhr in der Nacht Christian weckte und aus dem Hotelfenster zum gegenüberliegenden Bergkamm zeigte: in gut 10km Entfernung kleine weiße Punkte – das Licht der Stirnlampen der letzten Finisher…

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